Clash der Kulturtechniken

Angeregt durch den Beitrag von Franziska Nyffenegger im Techniktagebuch, in der es um die Haptik des Handgeschriebenen geht, merke ich, dass ich so ein Problem auch gehabt habe – und gelöst. Mein Beruf bringt es mit sich, dass ich viel schreiben muss. Da ich nie professionell 10-Finger-Schreiben gelernt habe, nutze ich das übliche „2-Finger-Suchspiel“. Das ist in den letzten Jahren zu einem recht stabilen System gereift.

In letzter Zeit versuche ich aber dem Lauf der Gedanken folgend schneller zu schreiben. Eine lange Testreihe mit verschiedenen Tastaturen bringt die Erkenntnis, dass Tastaturen mit sehr geringem Hub wie beim neuen MacBook oder mit gar keinem Hub wie auf einem iPad am besten funktionieren. Trotzdem überholt das Denken immer wieder die Tastatur, und der herauskommende Text hat viele Fehler. Instinktiv neigt man dazu, diese Fehler sofort zu korrigieren, und zack – ist der schöne, ausgefeilte Gedanke im Nirvana verschwunden.

Dieses Problem nagt in mir und sucht nach einer Lösung. Entweder antrainieren, erst mal runterzuschreiben oder 10 Finger zu lernen. Ein erster Versuch mit dem Erlernen des 10-Finger-Systems scheitert, ich bin zu ungeduldig. Bei einer Besprechung bemerke ich, dass einer meiner Mitarbeiter Notizen auf einem Klemmbrett mit einer kleinen Leuchtdiode macht. Neugierig geworden lasse ich mir das System zeigen.

Es handelt sich dabei um ein Produkt der Firma Wacom. Auf eine Art elektronisches Klemmbrett kann man beliebige Blöcke mit bis zu 50 Seiten klemmen. Auf dem Block schreibt man mit einem speziellen, recht angenehmen Stift. Das Geschriebene wird als Abbild (genauer als Liniennetz) im Gerät gespeichert. Ist eine Seite vollgeschrieben, reißt man die ab und drückt einen Knopf unter der blau leuchtenden Leuchtdiode. Dann wechselt die Lichtfarbe auf grün, das Brett ist bereit für die nächste Seite. Schreibt man los, wechselt die Lichtfarbe wieder auf blau. Mit dem Druck auf den Knopf wird ein Synchronisationsvorgang auf dem gekoppelten klugen Telefon angestoßen, und wenige Sekunden später steht die geschriebene Seite als Faksimile zur Verfügung. Auf dem Telefon kann man diverse Aktionen damit durchführen, z.B. ein Export als PDF oder als Bild. Ebenfalls kann man Seiten wieder auseinanderbauen, die man versehentlich übereinander geschrieben hat, weil der Knopf beim Seitenwechsel nicht gedrückt wurde. Das Beste daran aber: Man kann den Text als erkannten ASCII-Text exportieren!

Das System führt eine automatische Texterkennung durch (auf dem Server, man braucht einen Cloud-Account bei Wacom dazu), die bei meiner Handschrift erstaunlich genau ist. Auf der zum System gehörigen Webseite kann ich meine Seiten verwalten, mit TAGs versehen und mehr. Das Ganze ist im Volltext durchsuchbar.

Kleiner Nachteil: Das System lernt nicht dazu, es gibt ja keine Rückkopplung von den gemachten Korrekturen. Und da das System nach Wörterbüchern vorgeht, werden seltene Begriff oder Fantasiebezeichnungen nicht erlernt und als Kauderwelsch dargestellt. Man hat aber ja zur Kontrolle, was dieses absurde Wort mitten im Text zu bedeuten hat, noch immer die Faksimile-Seite zur Verfügung. Man muss im Laufe der Nutzung öfter mal die Schere im Kopf überwinden, die einen dazu anleitet, lieber nicht ein eventuell seltenes, nicht bekanntes aber originelleres Wort zu nutzen und statt dessen lieber eine bekanntere Ersetzung zu nehmen. Ansonsten erreiche ich mit dieser Technik deutlich höhere Schreibgeschwindigkeiten, und der Zwang, Tippfehler zu beseitigen ist komplett verschwunden. Ich schreibe gern und ziemlich schnell mit der Hand, von daher habe ich jetzt die nächste Geschwindigkeitsstufe beim Schreiben erreicht. Wenn die mir nicht mehr ausreicht, dann muss es halt ein 10-Finger-Schreibkurs sein …

Zuerst erschienen hier im Techniktagebuch.

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